Gedankenbahnen

Schwimmbäder geschlossen.

Jetzt also wieder Lockdown. Kein Schwimmen, es sei denn man ist Schüler von Wim Hof. Da ich eher Warmduscherin bin, lebe ich meinen Bewegungsdrang wieder mit J-alken – Joggen mit Walking Einheiten gemischt – und Fahrradfahren aus. J-alken ist meine Art des Joggings. Ich jogge so lange wie ich wahrnehmen kann, dass ich mich gut steuere. Kann ich das nicht mehr, gehe ich, spaziere ich, bis ich merke, dass erneutes schnelleres Laufen gut ausgesteuert geht. Gut ausgesteuert heißt: geerdet, dadurch aufgerichtet. Ich habe weiter unten bereits darüber geschrieben. Wenn ich unterwegs bin, sehe ich viele Jogger. Die meisten laufen auf eine Art, die der Länge der Wirbelsäule nicht wirklich zuträglich ist. Deshalb werde ich irgendwann eine alexandristische Laufgruppe ins Leben rufen. Einzelunterricht ist bereits jetzt möglich.

Die Gegenwart ist eine mächt’ge Göttin

9. Oktober 2020

‚Die Zeit gibt es nicht; was wir „Vergangenheit“ und „Zukunft“ nennen, hat keine Wirklichkeit, außer als von uns erdachter Begriff. Die Idee der Zeit ist eine Gewohnheit des Denkens und Sprechens, eine gesellschaftliche Vereinbarung; in Wahrheit haben wir nur diesen Augenblick. Die Gegenwart ist eine mächt’ge Göttin.‘ J.W. von Goethe

Ich habe heute beim Freischwimmen im 26 Grad warmen Mittelmeer an der Südküste der Türkei, ausgelöst durch ein Mail meiner Mutter, darüber nachgedacht, wie man sich im Alter fühlt. Eigentlich wollte ich nicht nachdenken, sondern einfach nur sein, aber wie es so ist, es drängen Gedanken ins Bewusstsein. Gedanken, die ich beobachten kann. Ich habe mich an das geniale Goethe Zitat erinnert – die Gegenwart ist eine mächt’ge Göttin. Wenn wir leben, ist es eigentlich egal, ob wir das noch 3 Tage, 10 Jahre oder 30 Jahre tun. Denn Leben ist immer nur in der Gegenwart. Es ist eine kollektive Gewohnheit, im fortgeschritteneren Alter, über das Sterben nach zu denken. Aber es ist eine Projektion, die die Kraft hat, die Gegenwart zu vergiften. Ja, wir sterben irgendwann, aber nicht heute. Die Lebensqualität des Heute muss nicht überschattet werden von Gedanken an das Ende, das es für das ewige Bewusstsein sowieso nicht gibt. Also gilt es munter die Lebensenergie zu kultivieren, sich mit ihr verbinden. Nichts anderes tun wir, wenn wir das tun, was Alexander-Technik genannt wird. Wir nehmen die Blockaden raus, lassen das Festhalten los, sorgen für den Fluss der Lebensenergie, kommen in die Gegenwart und werden dessen gewahr, was Goethe so treffend formuliert hat. Der Körper, mit Bewusstsein gebraucht, kann ein Vehikel sein, um sich von einengenden Gedanken zu befreien. Zumindest ist das mein Verständnis der Technik. Jetzt.

Photocredit: Jessica Fradono

Zurück im Wasser

Seit vier Wochen darf ich wieder schwimmen. Als Mitglied des Poseidon Schwimmvereins in Hamburg habe ich das Glück, beim Einlass meist nicht Schlange stehen zu müssen. Und das Vereinsbecken ist selbst bei schönem Wetter überschaubar mit Menschen gefüllt. In der ersten Juni Woche bin ich sogar nach Lüneburg gefahren. In Niedersachsen durften die Bäder eine Woche zuvor aufmachen. Die Flossen waren etwas eingerostet. Inzwischen geht es wieder. Ich schwimme aber mit mehr Bewusstsein. Weil es längere Zeit nicht ging und weil ich, je länger ich mich mit dem Thema „natürliche Steuerung“ beschäftige, merke, dass ich bei allem, was ich tue, mich entweder durch zuviel Muskelspannung an falschen Stellen von der Lebensenergie abschneide (= nicht gut) oder mich mit ihr verbinden kann. Das geht ohne Bewusstsein nicht. Die hier viel zitierte Alexander-Technik ist eine Methode, die für mich funktioniert. Vor allem in der Art, wie sie von Walter Tschaikowski unterrichtet wird und wie ich mittlerweile auch selbst unterrichten kann. AT, walter-entwickelt. Tschaikowski hat sich viel mit Bewegung auseinander gesetzt, das findet in der klassischen AT oft nicht so viel Beachtung. Auch Anleihen aus Tai Chi, Qi Gong, Yoga sind in seinen Unterricht eingeflossen. Wenn es ums Schwimmen geht, gibt es noch eine andere Referenz: Steven Shaw. Er hat die AT ins Schwimmen eingebracht und daraus eine erfolgreiche Methode zum Erlernen des Schwimmens gemacht. The Art of Swimming. Eigentlich wollte ich nach England und mich von von ihm unterrichten lassen. Coronisiert. Wir haben telefoniert und gezoomt. Letzteres macht mir keinen Spaß. Deshalb warte ich bis in England die Schwimmbäder und Gyms aufmachen und Steven wieder seinem Broterwerb nachgehen darf. Was ich allerdings schon jetzt gelernt habe und man kann es bei mir auch sehen: ich rotiere beim Kraulen und Rückenschwimmen zu wenig. Ich habe das schon verändert und poste dazu demnächst ein Video.

Corona: Joggen statt Schwimmen

Da ich meiner Passion dem Schwimmen zur Zeit nicht frönen kann, trocken gelegt bin, muss ich als Bewegungsmensch das machen, was noch geht: Joggen und online Yoga. Als ich noch sehr jung war, bin ich viel gelaufen, habe es aber, u.a. wegen eines Achillessehnenriss fast aufgegeben. Erstens weil ich viel lieber schwimme, aber auch weil die zusammengeflickte Sehne leichte Problem bereitet hat. Momentan stelle ich beim Joggen erfreut fest, dass die Achillessehne gar keine Probleme mehr bereitet. Ich glaube, dass ich durch AT mittlerweile deutlich besser gesteuert bin, dadurch repariert der Körper sich selbst. 

Letzte Woche habe ich mich mit Walter Tschaikowski zum Joggen getroffen. Hier das Ergebnis des Austausches. Beim Joggen geht es um drei Dinge:

Energiehaushalt, Wahrnehmung, Erdung.

Energiehaushalt: bei jeglicher Art körperlicher Betätigung kommt man sehr schnell in einen Zustand, bei dem nicht mehr gehört wird, was il Körper in puncto Energie sagt. Speziell, wenn Sport benutzt wird, um zu kompensieren: Wut, Stress, seelische Aufruhr jeglicher Art. Bewegung funktioniert als Ventil. Es darf beobachtet werden, wann zu viel Druck auf dem Kessel ist, wann man sich in Rage gearbeitet hat. Dann ist alles nur noch Anstrengung, die Leichtigkeit ist verloren gegangen. Der Körper sendet deutliche Signale, dass es zuviel ist. Schwere Atmung, Schmerz. Da momentan viele Leute joggen, sehe ich Menschen, die sich schwer atmend, eher ätzend, über den Weg quälen oder Läufer, die sehr angespannt sind, den Kopf in den Nacken geworfen, ihre Füße trotzig in den Boden stampfend wie Rumpelstilzchen. Aus AT-Lehrer Perspektive: nicht so ideal. Natürlich soll Sport den Kreislauf in Wallung bringen und die Atmung beschleunigen, aber es gibt einen Punkt, an dem man drüber ist. Ich halte es dieser Tage so: Wenn ich merke, dass ich an einen Punkt komme, wo die Anstrengung zu groß wird, um gut gesteuert zu joggen, schalte ich einen Gang runter und gehe zu Fuß. Was ist gut gesteuert? Ich versuche es hier zu erklären, auch wenn in der Praxis die Anleitung „hands-on“ unterstützt wird.

Wichtig sind Wahrnehmung und Erdung: Durch AT-Prinzipien lernen wir unseren Energiehaushalt zu beobachten und gleichzeitig das Außen mit unseren Sinnen wahrzunehmen. Wenn wir an der natürlichen Länge unserer Wirbelsäule arbeiten, geht es weniger um die ideale Form, sondern darum, wie die physische Form den Energiefluss entweder unterstützt oder hemmt. In Bezug auf das Joggen heißt das: ich achte darauf, dass mein Kreuzbein nach hinten unten losgelassen ist und ich über die Fußballen gut abrolle, dass ich die Schulter nicht festhalte, was fast automatisch passiert, wenn ich gut geerdet bin, das Brustbein denke ich nach vorne, der Bauch lehnt sich an die Wirbelsäule an. Erdung heißt mit den Füßen wirklich im Boden verankern, unteren Rücken lang werden lassen, Brustkorb kommt dann über die Füße und der obere Rücken hängt nicht festgehalten hinten raus, samt steifem Hals-Kopf-Gelenk. Durch die Erdung kann ich mich richtig „reinsetzen“ ins Becken, den Atem bis in den Beckenboden schicken. Dadurch wird mir Aufrichtung nach oben und ein freies Hals-Kopf Gelenk geschenkt. Gleichzeitig nehme ich wahr, wie die Bäume an mir vorbeiziehen, nichts im Außen fixiert ist. Ich höre die Vögel zwitschern und den Wind rauschen. Durch diese Art des Laufens harmonisiert sich auch das Innenleben. Lasse ich die bewusste Wahrnehmung der Außenwelt weg und versinke in Denkzirkeln, merke ich sehr schnell, dass ich mich, auch physisch zusammenziehe, und der Energiefluss ins Stocken gerät. Dann ist es wieder an der Zeit, Stopp zu sagen, innezuhalten und mich neu auszurichten. Das geht sehr gut mit Bewegung 1. Video zu Bewegung 1 etwas weiter unten.

Ich übe momentan selbst noch beim Laufen, versuche es möglichst „alexandristisch“ zu machen, kann Euch aber schon zeigen, worüber ich oben geschrieben habe. Wenn ihr Lust habt das „alexandristische Laufen“ zu probieren, bitte mailt mir, dann können wir zusammen joggen, gern auch gehen. Ich schaffe mittlerweile zwar wieder einige Kilometer am Stück, muss aber nicht.

Bewegung 1

Wir haben vor dem ersten Workshop im Januar ein kurzes Video gedreht. Die Bewegung 1 könnt ihr zuhause selbst ausprobieren. Wichtig dabei ist, den unteren Rücken nach hinten zu bringen, das schafft man u.a. indem man mehr Gewicht auf die Ballen bringt und das Kreuzbein nach hinten los lässt. Bei Gaby im Video sehr gut zu sehen. Die Bewegung nicht mechanistisch – hoch runter, hoch runter – ausführen, sondern mit Hilfe der Bewegung 1 versuchen, ein Gespür für die mittlere Aufrichtungsachse zu entwickeln. Ich mache die Bewegung als erstes morgens, um meinen Körper gleich daran zu erinnern, wo unten und oben ist.

Kreuzbein und Ballen

Kreuzbein, lat. Os sacrum, der heilige Knochen, am Ende unserer Wirbelsäule

Ich komme gerade vom jährlichen AT-Workshop meines Lehrers Walter Tschaikowski in Lychen. Ich bin das dritte Mal dabei gewesen. Im ersten Jahr war das Motto des Workshops ein Zitat von Buddha: 

„Von Herzen gehen die Dinge aus, sind Herz geboren, Herz gefügt.“ 

Das ist poetisch. 

Dieses Jahr gab es kein klingendes Motto. Dieses Jahr ging’s um Kreuzbein und Ballen. Von da aus kommt man auch zum Herzen, aber eins nach dem anderen.

Der AT-Lehrer kümmert sich klassischerweise um die Hals-Kopf-Verbindung. Alexander hat herausgefunden: Ist die blockiert, geht vieles nicht. Die Wirbelsäule ist gestaucht und es droht Blockade auf vielen Ebenen, Schmerz und Krankheit. 

Ich behaupte frech: die Hals-Kopf Verbindung ist meistens blockiert. 

Sonst gäbe es das nicht:

https://www.tomorrowisanotherday.de/boys/

Eine internationale Agentur für Models und man kann sehen, dass fast keiner dieser jungen Männer noch eine natürliche Hals-Kopf-Relation hat. Und es gäbe auch diese zahlreichen Shops nicht, die „Krücken“ verkaufen, um eine schlechte Haltung zu korrigieren. BHs und andere Konstruktionen, die uns wieder in die natürliche Form zwingen sollen. Hier nur einige Beispiele, die mir in den letzten Wochen auf fb untergekommen sind und die ich unter „Monströses“ abgespeichert habe:

https://littlestyleshop.com/

https://www.coquetjoli.com/

https://myposture.de

https://mydoctorhippo.com

https://spotlessgoddess.com/

Und die Washington Post würde nicht schreiben: ‘Horns’ are growing on young people’s skulls. Phone use is to blame, research suggests. 

Es gibt also genug Anlass, um sich um das Thema Haltung zu kümmern. Wobei es der AT nicht um Haltung, sondern um Energiefluss geht, aber ich nenne es der Einfachheit halber zunächst Haltung.

Ohne die Blockade in der Hals-Kopf Verbindung, die sich bei Alexander als Heiserkeit manifestierte, gäbe es die Technik gar nicht. Der Erfinder der AT war Rezitator/Schauspieler und befreite sich durch achtsame Selbststeuerung dauerhaft von der Heiserkeit, in dem er seine Hals-Kopf Verbindung in Ordnung brachte. Er fand heraus: die Wirbelsäule möchte in ihrer natürlichen Länge sein, dann geht es dem Menschen gut. Ist die Hals-Kopf Verbindung blockiert, ist die Wirbelsäule gestaucht, kommen Probleme. Jetzt muss man wissen, dass die Menschen zu der Zeit, in der Alexander praktizierte nicht so unnatürlich gesteuert, so blockiert waren wie heute. Woher ich das weiß? Indizienwissen, ich gebe es zu. Es gibt Filme aus der Zeit, die zeigen, dass die Menschen viel mehr darauf achteten eine gute Haltung zu haben. Man kann in Alltagsaufnahmen auch sehen, dass die Menschen noch aufrechter gingen als heute. Und dass, jetzt komme ich zum Ausgangspunkt zurück, das Kreuzbein noch mehr nach hinten unten losgelassen war als es heute der Fall ist. Deshalb hat es damals vielleicht gereicht, sich um die Hals-Kopf Verbindung zu kümmern und von dort aus die Wirbelsäule gerade zu denken. Das ist das zentrale Moment der AT. 

Für mich war es hilfreich von unten anzufangen und erst mal das Fundament zu bauen. So bin ich unterrichtet worden, so habe ich es als heilsam erfahren und so gebe ich es jetzt weiter.

Wenn ich morgens aufstehe, merke ich, dass meine Wirbelsäule, mein Körper als Ganzes sich über Nacht zusammen gezogen hat. Nach dem ersten Kaffee, ziehe ich mich dann auseinander. Wie? Indem ich mich meiner Ballen versichere, mein Kreuzbein nach hinten unten loslasse und es geschehen lasse, dass durch diese Erdung sich die Wirbelsäule längen und aufrichten kann, in ihre natürliche Form kommt und auch die Hals-Kopf Verbindung durchlässig wird. Das befreit mich sogar relativ schnell von Kopfschmerzen, die ich in meiner momentanen Lebensphase (Wechseljahre) manchmal morgens habe. Ich mache zehn kleine essentielle Bewegungen, die ich von Walter Tschaikowski gelernt habe und die ich mittlerweile auch unterrichten kann. Dann läuft es, dann fließt die Lebensenergie, weil ich sie nicht daran hindere. Im Laufe des Tages gibt es dann zahlreiche Einladungen diesen Fluss (nicht Haltung!) wieder aufzugeben, aber mittlerweile weiß ich, dass ich dahin zurück kehren kann. Ich integriere die Technik bzw. den Fluss mehr und mehr in meinen Alltag. 

Also: es macht Sinn, sich um sein Kreuzbein, lateinisch „Os sacrum“ = heiliger Knochen zu kümmern. Das geht ohne Ballen nicht. Und dann braucht man keine „Haltungskrücken“, es braucht nur Eigenverantwortung und Achtsamkeit. Beides kann man durch AT kultivieren. 

Und die Sache mit dem Herzen, ich erlebe das so: fließt die Lebensenergie, dann fühle ich mich wohl und ich kann innerlich zur Ruhe kommen, meine Mentalität verändert sich zum Positiven. Bis dann wieder Herr Klimawandel oder ähnliche Figuren (langes Sitzen vor dem Computer) vorbei kommen und ich den Fluss wieder aufgebe. Aber ich gebe ihn immer seltener auf. Schritt für Schritt. Und immer hübsch auf den Ballen und Kreuzbein nach hinten unten, wahlweise auf den Sitzhöckern. Mit Erdung wird das Leben jedenfalls leichter. 

Photo Kreuzbein/Shutterstock

Niksen

15. Mai 2019

Als Michelangelo gefragt wurde, wie er den David erschaffen habe, antwortete er: 

„Niksen. Ich habe nur weggehauen, was nicht zu ihm gehört und er kam zum Vorschein.“

So ist es auch mit der Alexander-Technik (AT). Wenn wir das Falsche weglassen, passiert das Richtige von ganz allein. So fasste der Erfinder der Technik seine Beobachtungen und Erfahrungen zusammen. Alexander-Technik hilft uns zurück zu unserer eigenen Natur zu finden, zu natürlichen Bewegungsabläufen. Insofern ist das Wort Technik nicht ganz glücklich. Man könnte an mechanisches Machen denken, dabei geht es um natürliches Nicht-Tun. Non-doing wie der AT-Lehrer sagt, niksen, wie die Dänen es ausdrücken und niksen hat die New York Times aktuell einen Artikel gewidmet:

Wobei es der New York Times darum geht, wie man durch Nichts-Tun wieder produktiver werden kann. Es scheint den Menschen immer öfter aufzufallen, dass das ewige Gschaftln, wie der Bayer es nennt, negative Seiten für uns hat.

„I’m so busy because I’m just so important, the thinking goes“, schreibt Olga, die Autorin des Artikels. Und mit folgenden Satz wird sie schon fast alexandristisch:

„Choose the initial discomfort of niksen over the familiarity of busyness.“

Alles, was wir gewohnt sind, fühlt sich für uns richtig, also natürlich an. Deshalb fühlt sich niksen nicht natürlich an. Und so nehmen wir nicht wahr, dass in unseren Bewegungen und auch in unserem Denken sehr viel Anstrengung ist. Anstrengung, die sich in Muskelspannung an den falschen Stellen übersetzt. Die AT begegnet dem mit dem Erlernen des Nicht-Tuns. Bitte unterscheiden Nichts-Tun und Nicht-Tun, denn das Faul-Sein wird auch in der AT nicht explizit promoted. Das Nicht-Tun, non-doing, aber schon. Damit ist gemeint, was Michelangelo über seinen David sagte, oder Alexander über seine Technik: wenn wir das Zuviel-Tun weglassen, passiert das Natürliche von allein. Wenn wir also ein David werden wollen, dann müssen wir ein paar Sachen weglassen. Zum Bespiel: das permanente Zusammenziehen unserer Lendenwirbelsäule und die damit einhergehende überflüssige Muskelanspannung im oberen Rücken oder das Festkrallen unserer Füße in den Boden. Das non-doing der AT will Bewegungen nur mit dem Aufwand ausführen, der natürlich ist. Es geht um das Weglassen des Zuviel und um die richtige Ausrichtung, von Alexander direction genannt. Das führt zur Balance und Harmonisierung unserer Abläufe und dann kann es passieren: niksen. 

Wie sieht niksen in einer AT-Stunden praktisch aus?

Es gibt den Wellness Anteil der AT, den wir Tischarbeit nennen. Der Schüler, wir sprechen von Schülern oder Klienten, liegt auf dem Tisch und der AT-Lehrer hilft dem Schüler mit seiner Präsenz und seinen Händen los zu lassen. Die Schultern können in den Tisch sinken und müssen nicht permanent fest gehalten werden, die Wirbelsäule kann sich längen, der Rücken ausbreiten, das Hüftgelenk lässt die Beine frei, die Zehen können sich lockern und wir bekommen die Chance uns als verbunden zu erleben: von der Fußspitze bis zum Scheitel. Das ist sehr wohltuend und nebenbei kommt der Kopf zur Ruhe.

Tischarbeit im Garten

Niksen spielt aber auch beim Gehen, Stehen, Sitzen eine Rolle. Wir lernen überflüssige Anspannung loszulassen und sinnvolle Anspannung, zum Beispiel die gute Bauchspannung zu nutzen. Wer AT macht, bekommt einen flachen Bauch, es sei denn er löffelt jeden Tag ein Nutella Glas leer. Es geht darum, das natürliche Prinzip unserer Steuerung wieder zu entdecken und dabei spielt niksen eine große Rolle. Und da sind wir wieder beim Löwen (Beitrag vom 6. April): der Löwe würde niemals ein Zuviel an Muskelspannung einsetzen, egal was er tut, ob faulenzen oder jagen, und das können wir uns zum Vorbild nehmen. 

Photo David: liberowolf/ Shutterstock.com

Alles primärkontrolletti?

Alles primärkontroletti?

14. April 2019

„Ist das jetzt Primärkontrolletti?“, fragt mich R. als wir an der Matrosenstatue im Planten un Blomen Park vorbei gehen. „Not quite.“, antworte ich. Zwei Staffeln The Crown in einer Woche haben einen Abdruck in meiner Wortwahl hinterlassen.

Die Haltung des Matrosen verdeutlicht, was mein Alexander-Technik Maestro Walter Tschaikowski so formuliert: „Wir müssen unterscheiden zwischen dem Natürlichen und dem Normalen. Das Normale ist nicht mehr das Natürliche.“ 

Als es im Westen noch keine Spiritualität, sondern nur Philosophie gab, fiel dieser Umstand bereits einem Herrn Rousseau auf. Aber was hat das jetzt mit dem Matrosen im Park zu tun? Der steht doch ganz normal da. Lässig eben. Oder?

Wir nehmen normalerweise nicht wahr, WIE wir da stehen, WIE wir uns bewegen, WIE wir uns steuern. Warum nicht? Weil wir es so gewohnt sind. Was Gewohnheit ist, fühlt sich natürlich an. Bis es weh tut. Dann wird schmerzvoll klar, dass normal nicht natürlich ist:

Rückenschmerzen zählen zu den häufigsten, kostenintensivsten und medizinisch ungelösten Problemen in Deutschland. 74-85 Prozent der Deutschen leiden unter Rückenschmerzen. 

Rückenschmerzen verursachen in Deutschland einen jährlichen volkswirtschaftlichen Schaden in Höhe von zirka 49 Milliarden Euro.

Rein rechnerisch verursacht jeder Rückenschmerzpatient durchschnittliche Gesamtkosten in Höhe von mehr als 1.300 Euro pro Jahr. (Quelle www.FPZ.de)

Die vergleichsweise kostengünstige Antwort der AT ist:

Leute, macht Primärkontrolletti!

Seriös ausgedrückt heißt es Primärkontrolle (‚Primary Control‘ in F.M. Alexanders Standardwerk „The Use Of The Self“) oder Primärsteuerung wie Walter Tschaikowski es im YouTube Interview unten (link unten) nennt. Primärkontrolle ist neben Inhibition eines der Buzzwords – dieser Anglizismus kommt nicht aus The Crown – der Alexander-Technik. Es geht dabei um das zentrale Steuerungsinstrument unseres Körpers, die Wirbelsäule. Bei Alexander war es am Anfang seiner Studien vor allem die Hals-Kopf Verbindung. Der Erfinder der Technik hat einst festgestellt, dass seine Heiserkeit beim Rezitieren daher rührte, dass er beim Sprechen den Kopf gewohnheitsmäßig in den Nacken warf (Sprecher Pose!) und so die gesamte Wirbelsäule ungünstig stauchte.

Ihr könntet jetzt sagen: ach ja, und dann hat er das gelassen und das war’s dann schon? Dazu nur kurz: Der Teufel steckt in dem Wörtchen gewohnheitsmäßig. 

Tatsächlich ist es so, dass aus der Beobachtung einer zusammengezogenen Hals-Kopf Verbindung die ganze Technik entwickelt wurde. Mit zunehmender Selbsterforschung entdeckte Alexander jedoch, dass er sehr viel mehr entdeckt hatte als durch die Direktive „Hals frei, Kopf nach vorne oben“ seinen Stimmbändern zu helfen. Er hatte herausgefunden, dass das Wieder-Erlernen der natürlichen Steuerung nicht nur für die Stimme, sondern für jeden normalen Menschen hilfreich ist, um in Balance zu kommen. Es geht dabei um alles, außen, innen, den ganzen Menschen. Deshalb sprechen wir, wenn wir Primärkontrolle sagen, nicht primär von einer äußeren Form, sondern von einer inneren Öffnung. 

Wie stellen wir diese innere Öffnung her? Dazu eine kurze Anleitung von Walter Tschaikowski mit einem Ausblick auf Primärsteuerung und Bewegung:

Primärsteuerung

http://www.alexandertechnikundreiten.com


Vom Angsthasen zum Löwen

I have time.

6. April 2019

Über Inhibition, eine der wichtigsten Techniken der AT

Letzten Sommer wurde ich in einem Workshop von Jean-Louis Rodrigue aus Hollywood zur Löwin.

Ich verfolge die Arbeit von Jean-Louis Rodrigue und seinem Partner Kristof Konrad schon seit Jahren, denn sie unterrichten Schauspieler wie Leonardo DiCaprio, Juliette Binoche, Hilary Swank u.a. Kristof Konrad ist auch als Schauspieler gut im Geschäft (u.a. House of Cards). Sie kombinieren in ihren Workshops AT mit einer in Schauspielerkreisen bekannten Methode, den Tierstudien: „Animal Studies“.

Da es in der AT um das Wieder-Erlernen natürlicher Bewegungen versus durch Stress zusammengezogener Körpermuster geht, passt die Tierwelt gut rein. Tiere steuern sich instinktiv natürlich, sie würden niemals zu viel Energie an der falschen Stelle investieren oder anders ausgedrückt: mit einem Hohlkreuz oder Buckel durch die Gegend laufen. Es sei denn, sie werden vom Menschen überzüchtet oder falsch „gebraucht“ wie zum Beispiel beim Reiten.

Da ich keine Schauspielerin bin, holte ich mir zunächst die Genehmigung ein, dass ich auch als angehende AT-Lehrerin mitmachen darf. Ich bereitete, wie alle teilnehmenden Schauspieler, einen kurzen Monolog vor und wählte ein dazu passendes Tier: Ich bin mit der youtube-Wutrede von John Goodman aus der amerikanischen Serie Treme angereist und wollte mit ihr zur Löwin werden. Falls mich die Wut nicht verlassen würde, schließlich habe ich vom Schauspielern soviel Ahnung wie ein Angsthase von der Löwenjagd. Angsthase hingegen kenne ich gut. Ich war sehr aufgeregt. 

Der entscheidende Moment des Workshops war für mich der I HAVE TIME – Moment. Nach einer AT „Lying down Session“ (dazu irgendwann mehr) und allerlei Improvisationen, bei denen ich mich wie im Dschungel fühlte, die männlichen Teilnehmer schrien teilweise wie Gozilla vor dem Kampf, war es soweit, dass wir unseren Monolog zum ersten Mal präsentieren sollten. Am liebsten wäre ich davon gerannt, denn jede Form von Auftritt und sei es eine kleine Rede im engsten Familienkreis, versetzte mich früher in Panik. Angsthase war mein Wappentier.

Ich wusste glücklicherweise schon wie man inne hält, inhibiert, wie es in der AT-Sprache heißt und das hat mir geholfen. Jean-Louis hat die Inhibition der AT in die drei Worte I HAVE TIME gefasst. 

Jeder, der mit seinem Monolog dran war, stellte sich zunächst auf und zwar alexandristisch, wie ich es nenne. Das heißt natürlich ausbalanciert, die Wirbelsäule aufgerichtet, der Kopf vorne oben, nicht in den Nacken geworfen oder auf die Brust gesenkt. Wie das geht, dazu schreibe ich nächste Woche in einem eigenen Beitrag, dazu bräuchte ich jetzt zu viele Sätze. Ich stehe also ausbalanciert und bewusst (hallo Achtsamkeit!) da und darf mir erlauben: I HAVE TIME. Das bedeutet: ich komme erst mal in der Gegenwart an, bin präsent, fühle mich wohl, auch, weil mein Körper, wenn ausbalanciert, mich nicht daran hindert. Das heißt, ich muss nicht panisch auf die Zukunft schielen, die da wäre: Werde ich meinen Monolog meistern? Wird meine Stimme versagen? Oder meine Knie? Werde ich den Text erinnern? Diese imaginierte Zukunft, die meine Gegenwart vergiftet, kann ich in der Präsenz loslassen: I HAVE TIME. Ich sammle mich, komme in meine Mitte, meine Kraft, meine Ruhe. Das ist eigentlich unser natürlicher Zustand. Und wegen eigentlich gibt es die Alexander-Technik. 

Jeder Löwe, der auf die Jagd geht, inhibiert: er nimmt erst einmal Witterung auf, checkt die Lage und agiert aus der Ruhe. Er stürmt nicht panisch los und vergisst, was er kann. Er ist immer im I HAVE TIME Modus. 

Ich konnte also liefern! Und das Beste daran: es hat mir sogar Spaß gemacht. Ich konnte eine Kraft aktivieren, die sich aus einer natürlichen, authentischen Quelle speist. Deshalb ist diese Arbeit für Künstler so interessant. Aber natürlich wirkt die Kraft dieser Quelle auch in unserem privaten Leben.

The Technique rules!  

http://www.alexandertechworks.com

Löwenphoto von Shutterstock.com

Freischwimmen mit Alexander

30. März 2019

Alexander-Technik (AT) ist Arbeit.
 
Wenn ich die Technik zusammen mit anderen Menschen ausübe, heißt das in der AT Sprache, dass wir miteinander arbeiten.
 
Es geht um Aufrichtung, Balance und Energiefluss. 
 
Ich mache AT, weil es sich gut anfühlt. Weil ich mich durch diese Arbeit in meiner Haut wohl fühle. Es macht mir Spaß, mit anderen Menschen zu arbeiten. Es ist eine fantastische Möglichkeit, sich jemandem offen und vorurteilsfrei zu nähern, ihn darin zu unterstützen, sich natürlich auf- und auszurichten und das gleichzeitig mit sich selbst zu tun. Meine Erfahrung zeigt: körperliche Aufrichtung ist auch seelische Aufrichtung. Es ist unmöglich, sich nach der Arbeit deprimiert zu fühlen. Vielleicht komme ich etwas zusammengefaltet an, danach fühle ich mich deutlich freier. Zumindest eine Weile.
 
Menschen kommen aus unterschiedlichen Gründen zur AT. In Schauspieler- und Musikerkreisen ist die Technik durchaus bekannt. AT ermöglicht dem Schauspieler einen freien und leichten Zugang zu seiner Körpersprache und zu seiner Stimme. Da kommt die Technik sogar her. F.M. Alexander (1869 -1955) war Rezitator und Schauspieler und hatte während und nach Auftritten gravierende Stimmprobleme. Da kein Arzt ihm helfen konnte, außer ihm Schweigen zu verordnen, was das Symptom Heiserkeit nur vorübergehend besserte, löste er das Problem selbst und erfand mittels akribischer Selbstbeobachtung die Technik, die zu seiner eigenen Überraschung weit mehr zu bieten hatte als die Befreiung von gestressten Stimmbändern.
Es gibt einige Orchester, die einen AT Lehrer engagiert haben, denn es gibt kaum Musiker, die nicht mit Problemen zu kämpfen haben. Gerade in der Klassik lädt stundenlanges hoch konzentriertes Üben und hoher Druck zu zusammengezogenen Körpermustern ein, die Schmerzen und allerlei Blockaden verursachen können. 
Alle Menschen reagieren auf Stress und Druck mit ungesunden Mustern: wir ziehen uns zusammen, im unteren Rücken, im Nacken, im Bauch. Wir ziehen die Schultern hoch, krallen die Zehen in den Boden. Und irgendwann sehen wir aus wie Rumpelstilzchen und fühlen uns auch so. Zumindest war ich deutlich auf dem Weg dahin. Das war mir allerdings in dem Ausmaß wie heute nicht bewusst.

Ich bin durch meinen Bruder Alexander zur AT gekommen. Er ist Geiger und AT Lehrer.

http://www.alexandertechnik-berlinmitte.de
 
Intuitiv habe ich gemerkt, dass diese Arbeit eine Möglichkeit ist, sich frei zu schwimmen.